Ein Buch für Neugierige: „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“

Ein Buch für Neugierige: „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“
Foto: Daria Shevtsova / Pexels

Ich glaube, es gibt wenige Berufe, auf die viele Menschen so neugierig sind und über die es gleichzeitig so viele Vorurteile gibt wie der einer Therapeutin. Oft denkt man nur an die Couch und an Kindheitserinnerungen, die ans Licht gezerrt werden – und die Vorurteile gelten oft nicht nur der Therapie, sondern auch den Menschen, die sie in Anspruch nehmen. Lori Gottlieb, eine amerikanische Psychotherapeutin, hat das perfekte Buch für Neugierige geschrieben, die sich nicht allzu viel unter einer Therapie vorstellen können.

In ihrem dicken Schmöker „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ findet man sich an allen möglichen Stellen wieder, bekommt spannende Einblicke in die menschliche Psyche und merkt mal wieder, dass alle Menschen mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Hier erwartet dich kurzweilige Lektüre und jede Menge Gesprächsstoff.

Worum es geht:

Lori Gottlieb erzählt in diesem Buch viele Geschichten. Sie erzählt von der schmerzhaften Trennung von ihrem Partner, die sie dazu bringt, selbst einen Therapeuten aufzusuchen – und wie sie feststellt, dass die Trennung überhaupt nicht der springende Punkt ist. Sie erzählt davon, wie sie zu ihrem Beruf gekommen ist. Angefangen hat Lori Gottlieb nämlich hinter den Kulissen von Hollywood, bei der Produktion von Serien.

Und dann erzählt sie von einigen der Menschen, die in ihre Praxis kommen – von John, der sich jede Woche über alle „Idioten“ in seinem Leben auslässt, von Julie, einer jungen Frau, die unheilbar krank ist, und von Rita, die viele Fehler gemacht hat und lernen muss, sich selbst zu verzeihen.

Das Besondere an diesem Buch:

Wie du schon gemerkt hast, gibt es in „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ viele Charaktere. Von Johns letzter Sitzung bis zum nächsten Update dauert es ein paar Kapitel, in denen wir Ausflüge in andere Therapieräume und Loris Vergangenheit machen. Ich habe mich oft gefühlt, als würde ich eine Serie weiterschauen und war richtig gespannt, wer in der nächsten Folge wohl einen Rückfall, einen Durchbruch oder eine verrückte Idee haben wird.

Sehr oft fand ich „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ richtig lustig. Die Dialoge, Angewohnheiten und Macken der Figuren sind realistisch, voller Identifikationspotential und sehr unterhaltsam. Genauso oft sind mir aber auch fast die Tränen gekommen, denn was Menschen in ihrem Leben alles so erleben, ist nicht immer nur schön oder lustig. Für mich war das eine perfekte Mischung.

Ein guter Moment für dieses Buch:

Wann immer du mitten im Leben stehst, ob frisch verliebt, im Stress oder enttäuscht, wirst du mit „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ etwas anfangen können. Die Lektüre führt einem vor Augen, wie viele Probleme und Erfahrungen doch alle Menschen teilen, und das ist unterhaltsam, aufbauend und ermutigend.

Aber auch, wenn du in Plauderstimmung bist und dich nach unterhaltsamen Neuigkeiten sehnst, wirst du hier auf deine Kosten kommen. Für mich fühlt sich „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ wie eine Mischung aus Serie und Austausch von Neuigkeiten mit der besten Freundin an.

Mich hat bei der Lektüre immer wieder irritiert, dass das Buch so häufig Tippfehler hatte. Da es dann doch eine Neuerscheinung ist, für die man nicht so wenig Geld ausgibt, hat mich das ein wenig geärgert – vielleicht bist du da großzügiger, aber in jedem Fall will ich das erwähnt haben.

Buchcover zu Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden von Lori Gottlieb
Cover: hanser-literaturverlage.de

Wer bei diesem Buch in jeder Stimmung richtig ist:

  • Alle, die nicht wissen, was sie sich unter einer Therapie vorstellen sollen.
  • Alle, die ein klein wenig Hollywood-Insiderwissen erhaschen wollen.
  • Alle, die gerne daran erinnert werden wollen, wie viel sie mit allen Menschen, auch mit denen, die auf den ersten Blick unsympathisch erscheinen, gemeinsam haben.
  • Alle, die einfach immer neugierig auf andere Menschen sind.

Wann ich zu etwas anderem greifen würde:

Es geht in „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ immer wieder um das Thema Tod. Ich finde, das spricht für das Buch, weil das Sterben nun mal eins der grundlegendsten Dinge ist, die alle Menschen teilen, und trotzdem verdrängt man es so oft. Aber je nach Lebenslage und eigenen Erfahrungen kann es einen auch mitnehmen, beispielsweise über Julies nahende Aussicht auf den Tod zu lesen. Wenn du also glaubst, dass dir das gerade zu viel ist, heb dir die Lektüre lieber für leichtere Stunden auf.

Vielleicht ist dann gerade eine Lektüre passender, die sich mit ganz konkreten gesellschaftlichen Themen beschäftigt. „Middle England“ von Jonathan Coe wirft einen spannenden, vielstimmigen Blick auf den Brexit – und auch, wenn der Roman mit einer Beerdigung beginnt, ist es ein Buch, das mitten im Leben steht und voller unperfekter, sehr lebendiger Figuren ist. Ich fand es fesselnd und unterhaltsam!

Daten zum Buch:

Titel: Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden
Originaltitel: Maybe You Should Talk to Someone
Autorin: Lori Gottlieb
Übersetzerin: Elisabeth Liebl
Verlag: hanserblau
Seiten: 528
Preis: 25,00€
ISBN: 978-3-446-26604-9

Eine Leseprobe und mehr Infos zum Buch gibt es hier beim Hanser Verlag.

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